Help me out

Einblick in die Welt der Depression - eine Geschichte.

Rumms.

 

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Ich höre es, aber drehe mich nicht um. Vor mir ein langer, blauer Flur, Türen, ein paar Menschen, die mich neugierig beäugen. Ich achte nicht darauf. Wie es riecht, kann ich nicht sagen.

 

Meine Nase ist zu.

 

Ich werde in ein Zimmer geführt. Die Person, die mich hergebracht hat, sagt irendwas zu mir – ich höre es nicht.

Das Zimmer ist leer bis auf ein Bett, zwei Stühle und ein kleines Tischchen. Die Person bei mir nimmt mich am Arm und hilft mir, mich ins Bett zu setzen. Mich hin zu legen. Aber ich sitze lieber. Bekomme zu wenig Luft, wenn ich liege.

 

Meine Nase ist zu.

 

Die Person geht.
Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie sie ausgesehen hat.

 

Ich weiß nicht, wie lange ich in dem Bett sitze.
Vielleicht Minuten, vielleicht Stunden. Es wird dunkel. Mir fällt auf, dass ich direkt in ein Fenster schaue, das in der Wand mir gegenüber eingelassen ist. Es ist von der anderen Seite durch einen weißen Vorhang verhängt.
Es schimmert Licht durch.
Es kommt mir so grell vor. Es stört meine Privatsphäre. Es zerstört mein Gefühl von Leere und Leblosigkeit. Ich empfinde es als Verletzung, mich mit diesem hellen Fenster zu belästigen. Ich fange an, zu weinen. Es sind sinnlose Tränen, denn ich weiß nicht mal, warum ich eigentlich weine. Ich fühle nur Leere, Verletzung, Schmerz und Schwäche.

 

Ich kann nicht atmen. Meine Nase ist zu.

 

Ich habe aufgehört, genauer auf meine Gedanken zu achten. Sie drehen sich sowieso nur sinnlos im Kreis und hämmern mir in meinen Kopf, dass es besser wäre, ich würde gar nicht erst existieren.

Ich denke an mein angefangenes Studium, das ich mit so viel Leidenschaft begonnen habe. Versagt.
Ich denke an meine Eltern. Enttäuscht.
Ich denke an Gemeinschaft. Verrat.
Ich denke an meine Freunde. Verlust.
Ich denke an mich. Nichts.

 

Da ist nichts.


Ich denke, also bin ich?
Kann ich nicht bestätigen. Ich würde sagen: Ich denke, also bin ich nichts.

Ich habe aufgehört zu weinen. Meine Wangen spannen von den getrockneten Tränen. Endlich spüre ich etwas von mir. Ich spüre meine Haut, mein Gesicht. Ich will aufatmen.

 

Aber es geht nicht – meine Nase ist zu.

 

Ich weiß, dass ich eigentlich nicht mehr hier sein sollte.
Dieses ständige Kreisen um mein eigenes ICH ist so egoistisch. Und das, obwohl ich so ein Versager bin. Das muss endlich aufhören. Es soll sich keiner mehr Sorgen um mich machen.

 

Ich will hier raus, muss hier raus. Ich muss es zu Ende bringen! Endlich fühle ich was. Endlich brennt ein Feuer in mir! Ich habe meine Bestimmung gefunden! Ich muss mein Umfeld von mir und meinen unsäglichen Versagenskünsten befreien und ich habe einen Plan.


Ich versuche, das Bett zu verlassen. Ein Bein vor das andere. Es ist so schwer, ist so anstrengend. Aber ich bin stolz auf mich. Endlich einen Plan, endlich ein Ziel. Ich wanke auf die Türe zu. Die metallische Türklinke ruft direkt nach mir: "mach mich auf!" Ich ergreife sie, öffne sie. Ein kurzer Blick in den Flur verrät mir, dass ich unbemerkt weitergehen kann. Ich gehe bedächtig und mit wackeligen Beinen auf die große Eingangstüre zu.

 

Meine Finger umschließen entschlossen den Griff, drücken ihn hinunter und – die Türe ist verschlossen. Ich versuche es nochmal, nochmal, nochmal. Es geht nicht. Ich kann es nicht.

 

Die Türe ist zu.

 

Wieder versagt. Ich kann nicht mal eine Türe öffnen. Ich sinke zu Boden. Ich will nicht mehr.

 

Und ich kann nicht atmen, meine verdammte Nase ist so zu!

 

Irgendjemand kommt auf mich zu, zieht mich hoch, führt mich wieder auf mein Zimmer.
Ich lasse mich steuern, bin eine Marionette.


Dieser Irgendjemand redet auf mich ein...was soll das? Ich höre nichts, ich sehe nichts, ich schmecke nichts, ich fühle nichts.
Der Irgendjemand legt die Hand auf meinen Bauch. Berührung. Ich zucke zusammen. Der Irgenjemand sagt wieder etwas. Diesmal zärtlicher. Ich höre hin.

Ich müsse versuchen, stark zu sein. Stark für das Kind in meinem Bauch.

Das ist doch nur eine Floskel. Ich spüre kein Kind in meinem Bauch.
Wieso sieht niemand, dass es ein Zeichen von Stärke wäre, zu gehen? Ein Kind hätte keine Mutter wie mich verdient. Eine Versagerin.


Ich sage einfach nichts.

 

Und wieder liege ich in einem Bett und tue so, als würde ich schlafen.
Wie Schlaf sich anfühlt, habe ich lange vergessen.

Morgen, ja morgen werde ich es tun.


Ich hab die Nase so voll!